"zum Bach"

Ludwig Baumann

Gasthof zum Bach – gepflegte Wirtshaustradition

Schier unglaublich, aber urkundlich nachweisbar – der alte Markt Neukirchen b. Hl. Blut hatte 82 Wirtshäuser. Die so genannten Liquidationsprotokolle vom Jahre 1840 im Vermessungsamt Cham – sie listen Haus- und Grundbesitz und die damit verbundenen Rechte und Pflichten auf –, dokumentieren für ebenso viele Neukirchner Anwesen das „Brau-, Branntweinbrenn- und Tafernrecht“. Das heißt, 82 Familien durften Bier brauen, aus dem Treber Schnaps brennen und beides im Haus ausschenken. 1555 – vor genau 450 Jahren – hatten sie sich gemeinsam das Kommunbräuhaus unten am Freibach gebaut. 82 Bürger gab es damals im Markt. Und auf ihren Häusern blieb das Braurecht bis zum 12. Juli 1920, als die „bräuende Bürgerschaft“ das Brauhaus versteigern ließ und die Genossenschaft auflöste. Freilich hatte die Zahl derer, die von ihren Rechten Gebrauch machten, immer mehr abgenommen. 1937 berichtet Xaver Siebzehnriebl noch von 22 Gasthäusern. Und heute leidet auch der Markt Neukirchen b. Hl. Blut unter dem allgemeinen Sterben traditioneller Wirtshauskultur. Anders im Gasthof zum Bach! Dort wird umgebaut und erweitert, Altes behutsam in Zeitgemäßes erneuert und der Zukunft gesichert.

Gastgeber

Das Haus gehört zu den 16 Anwesen, die in den Übergabeprotokollen des 17./18. Jahrhunderts als „Gastgebensbehausung“ charakterisiert werden. Der Besitzer war mehr als ein Wirt, man nannte ihn „Gastgeb“, er durfte Gäste beherbergen. Und das Gebäude wird schon 1743 als „zweigädig“ beschrieben. Nur etwa jedes zehnte Haus im Markt hatte damals ein zweites Stockwerk.

Der älteste mit Namen bekannte Besitzer war der Hopfen- und Weinhändler Leonhard Reiser. Er starb 1680, und er musste es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Jedenfalls konnte er sich eine prächtige Grabplatte aus rotem Marmor leisten, die er für sich und seine beiden Ehefrauen schon zu seinen Lebzeiten fertigen ließ. Sein Sterbedatum und das seiner zweiten Frau Margaretha sind in der Inschrift bis heute ausgespart. Warum man es nach ihrem Tod nicht ergänzte, bleibt ein Rätsel. Das Epitaph ziert die südliche Außenwand der Wallfahrtskirche.

Den Kopf für den Markt hingehalten

Der Namensgeber des Hauses ist der Gastgeb, Innere Rat und Bürgermeister Albert Ignatius Bach (Pach). Er kam aus Neuburg an der Donau – sein Vater saß dort im Stadtrat – und heiratete 1724 in das Haus ein, das nach ihm der „Bach“ heißen wird. Vier Jahre später übergab ihm der Schwiegervater die „Gastgebensbehausung“ mit Keller und Grundstücken. 1738 wurde er in den Inneren Rat gewählt. Der bestand aus vier Mitgliedern, die sich jährlich im Bürgermeisteramt abwechselten. In seiner zweiten Amtszeit 1742 wurde ihm die Weltpolitik zum persönlichen und katastrophalen Schicksal, das ihm das Leben kostete und sein Haus an den Rand des finanziellen Ruins brachte.

Die Zusammenhänge: 1740 starb der Habsburger Kaiser Karl VI. ohne männlichen Erben. Daraufhin erhob der bayerische Kurfürst Karl Albrecht auf Grund eines alten, aber umstrittenen Vertrags Anspruch auf die österreichischen Erblande, fiel mit Unterstützung der Franzosen in Oberösterreich und Böhmen ein und ließ sich am 12. Februar 1742 zum Kaiser krönen. Seine Gegnerin Maria Theresia konnte mit der österreichischen Armee, unterstützt durch Trenck und seine Panduren, zurückschlagen. Im Juli durchbrachen sie bei Rittsteig die Grenze und schlugen die Landesverteidiger in die Flucht. Vier Neukirchner, Mitglieder der Grenzfahne, wurden grau-sam niedergemacht.

 

Den Amtsbürgermeister Ignaz Bach verschleppten die Trenckschen Panduren als Geisel in das Lager der Österreicher bei Deggendorf, weil es ihm nicht gelungen war, von der Bürgerschaft die von den Österreichern befohlene Brandsteuer und andere Kriegskontributionen einzufordern. Was ihm dort angetan wurde, „versetzte ihm solchen Herzensstoß“, dass er im Jahr danach (6. Juni 1743) mit 40 Jahren starb. Zu Beginn des (Österreichischen Erbfolge-) Krieges hatte Bach, wie andere Mitbürger auch, Geld und Wertsachen in die Obhut Chamer Bekannter gegeben. Als die Stadt von Trenck und seinen Panduren im September 1742 belagert, erobert, geplündert und niedergebrannt wurde, ging alles verloren.

Und wenn die Not einmal im Schwung ist, lässt sie sich kaum anhalten. 1747 musste die Wit-we Bachs das Vieh zum Spottpreis verkaufen, weil ein Unwetter „all Getreid in Grund und Bo-den geschlagen“ und die Wiesen überschwemmt hatte. Und im Jahr darauf zündete der Knecht aus purem Mutwillen den aus Holz gebauten Viehstall an. „Mit zum Himmel erhebten Händen“ flehte die Bachin den Kurfürsten an, eine Steuerschuld zu erlassen. Schulden bei Mitbürgern und der Kirchenstiftung drückten Haus und Bewohner über Jahrzehnte. In den Ratsprotokollen sind vielfältige Forderungen nachzulesen. Erst die nachfolgenden Generationen konnten sich davon befreien. Albert Ignaz Bach hatte für seine Mitbürger den Kopf hingehalten. Man musste ihm Achtung gezollt haben. Denn sein Andenken bleibt über die Jahrhunderte im Hausnamen leben-dig – Gasthof zum Bach.

Familientradition mit Zukunft

Der heutige Besitzer, Josef Hastreiter, ist mit ihm blutsverwandt – wechselweise über die männlichen und weiblichen Vorfahren. So gesehen kann das Gasthaus auf eine 277-jährige Fa-milientradition zurückblicken. Und die gilt es zu pflegen! Der junge Hastreiter ließ sich im „Kapitän Goltz“ zum Küchenchef ausbilden und erweiterte seinen Horizont im Engadin, dem Schweizer Kur- und Wintersportgebiet.

Jetzt krempelt er das Heimathaus um: An- und Ausbauten, Modernisierung der Küche und ein neuer Gastraum im alten Gemäuer. Der verspricht eine besondere Note ins Haus zu bringen. Es handelt sich um den ehemaligen Stall mit sehenswertem Gewölbe des 18. Jahrhunderts. Die weit gespannte Wölbung ist bis an die Grenze des baulich Machbaren extrem flach gehalten. Die Last tragen verstärkende Gurtbögen, und die werden wiederum durch raffiniert konstruierte, ge-schmiedete und schon während der Bauzeit eingebrachte Maueranker statisch gesichert.

 

Und noch eine Überraschung hält dieser Raum bereit: Unter einer großen Steinplatte entdeck-ten die Bauarbeiter einen Brunnen. Der kreisförmige Schacht mit gut einem Meter Durchmesser ist sauber ausgemauert und reicht in eine abgründige Tiefe von zwölf Metern. Diese Entdeckung wirft Fragen und Überlegungen bau- und siedlungsgeschichtlicher Art auf. Zunächst: Der Brunnen muss auf jeden Fall lange vor dem Bau des Stalles an dieser Stelle angelegt worden sein. Dann: Er muss älter sein, als die mit Holzröhren von den „Wiegenwiesen“ (östlich von Vorderbuchberg) herabgeführte, uralte märktische Wasserleitung, die doch unmittelbar vor dem Hause Bach ein Schöpfbecken hatte. Und: Hatten sich die Ansiedler schon im 13. Jahrhundert, als der obere Markt angelegt wurde, so aufwändige Brunnenbauten leisten können?

Über solche und ähnliche Fragen können die künftigen Besucher des „Gasthofs zum Bach“ lebhaft debattieren – ein Sichtfenster erlaubt den Blick in die Tiefe und in ein Stück Heimatge-schichte.

um 1660 Hausbesitzer

  • Reiser Leonhard, Hopfen- und Weinhändler
  • 1670 Reitbacher Wolf, Hopfenhändler und Innerer Rat
  • 1685 Schmierl Andreas, Leinweber, Marktrat und Kirchenprobst
  • 1699 Pöldt (Pöll) Georg, Gastgeb (später auch Marktrat)
  • 1728 Pach (Bach) Albert Ignatius aus Neuburg an der Donau, Gastgeb (später Inne-rer Rat und Bürgermeister) und Anna Maria, geb. Pöll
  • 19.2.1746 Pach Anna Maria, Witwe des Pach Albert Ignaz
  • 17.1.1751 Menacher Georg, Marktrat, und Anna Maria, Witwe des Pach Albert Ignaz
  • 30.5.1753 Rausch Stephan aus Falbenau (Vollmau)/Böhmen, (später Marktrat), und Maria Anna, geb. Pach
  • 7.7.1789 Eidenschink Andreas aus Lam und Franziska, geb. Rausch
  • 24.2.1826 Eidenschink Joseph
  • 1840 Eidenschink Katharina, Witwe des Eidenschink Joseph
  • 6.9.1843 Riederer Anton und Katharina, Witwe des Eidenschink Joseph
  • 9.7.1866 Eidenschink Sigmund und Maria, geb. Altmann
  • 10.7.1895 Eidenschink Josef und Maria, geb. Dimpfl
  • 10.1.1935 Hastreiter Josef und Barbara, geb. Eidenschink
  • um 1970 Hastreiter Josef und Klothilde

Quellen

  • Staatsarchiv Landshut, Briefprotokolle Markt Neukirchen, P 1– P 24.
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Landshuter Abgabe Hofkammerakten, Rep. 92, Verz. 8, Fasz. 75, Nr. 234.
  • Marktarchiv Neukirchen, Band 45, Ratsprotokoll 1739–1754.
  • XAVER SIEBZEHRIEBL: Grenzwaldheimat, Grafenau 1991, S. 327–332.